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Spirituelle Aspekte im Ayurveda

 

Seuchen und Epidemien

Der folgende Text ist dem Werk Ayurveda-Lehrbuch – Caraka-Samhita-Kompendium entnommen und dürfte besonders für die heutige Zeit interessant sein, wo Seuchen und Epidemien unter Menschen und Tieren wieder um sich greifen und Politiker, Wissenschaftler, Ärzte etc. sich mehr oder weniger erfolglos bemühen, sie in den Griff zu bekommen.

Einst durchstreifte Atreya Rishhi mit seinen Schülern den Wald von Kampiilya, der Hauptstadt von Pancala, wo damals die Elite der braahmana-s lebte und richtete folgende Worte an sie: „Es lassen sich in dieser Zeit einige abnormale Erscheinungen in Planeten, Sonne, Mond, Luft, Feuer und der Natur beobachten. Diese Zeichen indizieren Störungen in den kommenden Jahreszeiten. Sehr bald werden die Pflanzen ihre rasa-s, viirya, vipaaka und prabhaava nicht mehr richtig manifestieren und als Folge davon werden sich Krankheiten ausbreiten. Deshalb solltet ihr Heilpflanzen sammeln, bevor die Zeit der Zerstörung herangekommen ist, die Erde ihre Fruchtbarkeit und die Pflanzen ihre Kraft verloren haben. Wir werden sie brauchen für heilbare Kranke, die bei uns Zuflucht suchen. Es ist nicht schwierig epidemische Krankheiten zu heilen, vorausgesetzt die Drogen werden richtig gesammelt, aufbewahrt und verabreicht.“

Agnivesha fragte seinen Lehrer daraufhin, wie es kommt, daß Leute trotz Unterschieden in Konstitution, Diät, physischer Stärke, Geist, Alter etc. gleichzeitig von der gleichen epidemischen Krankheit heimgesucht werden können. Atreya geht nun ausführlich auf das Thema ein und behandelt Ursachen, Symptome, Therapien und in diesem Zusammenhang auch die Frage nach der normalen Lebensspanne und dem vorzeitigen Tod.

Ursachen von Epidemien und Merkmale der Ursachen

Luft (vaayu), Wasser (udaka), Land (desha) und Zeit (kaala) sind Faktoren, die Einfluß auf alle Individuen einer Gesellschaft ausüben. Durch Störung dieser Faktoren entstehen Krankheiten, die ein ganzes Volk vernichten können, trotz der unterschiedlichen Konstitutionen etc. der Menschen.

Luft, die der Gesundheit schadet, trägt die folgenden Merkmale: Nichtübereinstimmung mit der Jahreszeit; übermäßige Gewalt (Orkane etc.) oder übermäßige Stagnation (Windstille); übermäßige Trockenheit, Kälte, Rauheit, Feuchtigkeit, Hitze; Zusammentreffen verschiedener Winde aus verschiedenen Richtungen; Vermischung mit üblen Gerüchen, Gasen, Sand, Asche und Rauch.

Die Merkmale von Wasser, das seine normalen Attribute verloren hat, sind abnormaler Geschmack, Geruch, Farbe und Berührung; Schleimigkeit; Abwesenheit von Wasserlebewesen; und unerfreulicher Anblick (eines Sees, Flusses etc.).

Land hat einen schädlichen Einfluß, wenn es folgende Merkmale aufweist: Abnormalität von Geruch, Farbe etc.; extreme Sumpfigkeit oder Feuchtigkeit; Überbevölkerung von Schlangen, wilden Tieren, Moskitos, Fliegen, Ratten, Eulen, Geiern und Schakalen; Versteppung; Übermaß an verdorrten Nutzpflanzen; Geschrei von wilden Hunden und von Vögeln (Raben und Krähen etc.); Verwirrung und schrecklicher Zustand von Tieren und Vögeln; Abwesenheit von dharma, Wahrhaftigkeit, Einfachheit, gutem Betragen und anderen Tugenden der Bewohner; ständige Agitation der Gewässer und Überschwemmungen; häufiges Erscheinen von Meteoriten, Blitzen und Erdbeben; schreckliches Erscheinungsbild der Natur; häufiges Erscheinen roter, weißer und kupferfarbener Dünste bei Sonne, Mond und Sternen; Atmosphäre der Verwirrung, Erregung, Klage und Dunkelheit; häufig zu hörendes Heulgeräusch, als ob das Land von guhyakas (Dämonen) heimgesucht wird.

Jahreszeiten haben schädlichen Einfluß, wenn sie Merkmale manifestieren, die ihren normalen charakteristischen Merkmalen entgegengesetzt sind oder diese übermäßig oder mangelhaft manifestieren.

Oben aufgeführte vier Faktoren (Luft, Wasser etc.) mit ihren charakteristischen Merkmalen sind verantwortlich für das Entstehen von Epidemien.

Prävention

Durch vorbeugende Therapien kann man sich vor epidemischen Krankheiten schützen, vorausgesetzt es ist einem nicht bestimmt, während der Epidemie zu sterben und man hat auch keine karmischen Reaktionen zu erleiden durch die Epidemie. Als therapeutische Maßnahmen werden die fünf Reinigungstherapien empfohlen. Danach sollte rasaayana angewendet werden mit Drogen, die vor dem Ausbruch der Epidemie gesammelt wurden. Mindestens genauso wichtig für den Schutz des Körpers und des Lebens in dieser Zeit (und nicht nur in dieser Zeit) sind Wahrhaftigkeit, eine freundliche, wohlwollende Gesinnung allen Lebewesen gegenüber, Wohltätigkeit, Opfer, Gebete, Gleichmut, Rezitation der heiligen Schriften, brahmacarya, das Wohnen an gesunden Orten, Gemeinschaft mit saadhus, Hören der Schriften von selbstverwirklichten Weisen.

Ursachen der Abnormalität der vier Faktoren Luft, etc.

Die Wurzeln der Störungen von Luft, Wasser, Land und Jahreszeiten, die zu Epidemien führen, liegen im Verhalten der Menschen. Diese Aussage Atreya Munis wird in vielen vedischen Schriften bestätigt. Im Shriimad-Bhaagavatam erklärt Shrii Shiva, daß alle Schwierigkeiten der menschlichen Gesellschaft ihre Ursache in Gottlosigkeit und Irreligiosität haben. Und im Mahaabhaarata erklärt Bhiishhma Mahaaraaja[1] nach der Schlacht von Kurukshhetra seinem Enkel Yudhishhtira, dem damaligen Kaiser von Bharatavarshha, die Zusammenhänge zwischen dem Zustand eines Reiches und seiner Bewohner auf der einen Seite und der Fähigkeit und dem Verhalten der Regierung auf der anderen Seite. In der vedischen Kultur herrschten raajarshhis (heilige Könige) unter der Oberaufsicht der braahmana-s und spirituellen Lehrer im Einklang mit den offenbarten Schriften. Yudhishhtira Mahaaraaja war einer der letzten großen Monarchen der vedischen Kultur. Es heißt im Shriimad-Bhaagavatam, daß während seiner Regierungszeit die Erde Nahrung im Überfluß hervorbrachte, daß es weder Armut noch Hunger, noch Katastrophen gleich welcher Art gab. Es gab keine Kriminellen, ja noch nicht einmal Krankheit und vorzeitigen Tod. Und warum war dies so? Weil Yudhishhtira Mahaaraaja dafür sorgte, daß die braahmana-s und die Kühe beschützt wurden und jeder seinem varna und aashrama gemäß beschäftigt war und seine religiösen Pflichten erfüllte. Er befolgte die Anweisungen der shaastra-s und handelte als Stellvertreter Gottes auf Erden und wurde von seinen Untertanen als solcher anerkannt und geliebt.

Das Gespräch zwischen Bhiishhma und Yudhishhtira fand am Ende des dvaapara-yuga (vor ca. 5000 Jahren) statt. Bei diesem Gespräch gab Bhiishhma Mahaaraaja auch eine Vorschau auf das kommende Zeitalter, das kali-yuga, und beschrieb sehr genau die Zustände, die heute auf der Erde herrschen und im Verlauf der Zeit noch herrschen werden. Die Irreligiosität der Mißachtung der vedischen Schriften und mentale Spekulation führen dazu, daß die Lebensbedingungen auf der Erde immer schwieriger werden, je weiter die Zeit voranschreitet.

Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, daß die oben beschriebenen Symptome der Beeinträchtigung von Luft, Wasser, Land, Zeit heute überall mehr oder weniger ausgeprägt zu beobachten sind. Und auch Seuchen, deren Ursache im Mangel an sexueller Selbstbeschränkung liegen, sind überall verbreitet.

Atreya Muni weist in Übereinstimmung mit den mahaajanas auf die Wichtigkeit des vorbildlichen Charakters eines Herrschers oder Mitglieds einer Regierung hin. Wenn die Führer und Mitglieder der Regierung einer Nation irreligiös und im spirituellen Wissen ungebildet sind, werden sie sich bei ihren Entscheidungen nur von ökonomischen Interessen leiten lassen und so indirekt zur Ursache von Seuchen, der Zerstörung der Umwelt, des allgemeinen Mangels und Elends, der Kriminalität, etc. werden.

Seuchen und Epidemien sind letztendlich eine Reaktion auf die angesammelten Sünden einer Bevölkerung und zwar der im gegenwärtigen und der im vergangenen Leben begangenen Sünden. Aus diesem Grund sind sie auch nicht wirksam einzudämmen durch Medikamente, Impfungen etc. Opfer, Gebete, Studium der Schriften etc. reinigen das Bewußtsein der Menschen. Reinigung des Bewußtseins führt zu Wahrhaftigkeit, Mitleid mit allen Lebewesen, Selbstbeherrschung, Weisheit, Religiosität. Die vedischen Schriften empfehlen als besten und einfachsten Vorgang der Läuterung in diesem Zeitalter den sankiirtana-yagya, das Opfer des gemeinsamen Lobpreisens der heiligen Namen Gottes. Wenn die Menschen ihre sündhaften Handlungen einschränken (vor allem keine Kühe mehr schlachten) und dharma befolgen, wird der höchste Herr mit ihnen zufrieden sein und sie mit allem segnen, was sie brauchen, solange sie leben. Shrii Krishhna sagt in der Bhagavad-giitaa, daß die materielle Natur unter seiner Führung arbeitet. Die deva-s sind seine Stellvertreter, die Wind und Wetter und alle Abläufe in der Natur kontrollieren. Wenn die Menschen dharma befolgen, werden sie dafür sorgen, daß Regen zur rechten Zeit und im rechten Maß die Erde fruchtbar macht, daß die Erde überall für alle Lebewesen genügend Nahrung hervorbringt etc. Doch solange die Führer der Staaten und die Masse der Menschen unter dem Einfluß von Leidenschaft und Unwissenheit handeln und sich nicht verabschieden von ihrem gottlosen, unpersönlichen, mechanistischen Weltbild, wird dies nicht der Fall sein.

In den vedischen Schriften werden vier Dinge als Pfeiler aller Sünden bezeichnet: (1) Fleischessen (Töten), (2) unzulässige Sexualität,[2] (3) Glücksspiel und (4) Berauschung. Sie stehen in Beziehung zu vier Eigenschaften: (1) Barmherzigkeit, (2) Enthaltsamkeit, (3) Wahrhaftigkeit und (4) Sauberkeit respektive. Diese Eigenschaften gehen bei den Menschen in dem Maße verloren, wie sie sich dem Töten etc. ergeben. Alle Vergehen gegen die göttliche Ordnung haben entsprechende Reaktionen zur Folge, genauso wie alle frommen Handlungen, die ein Mensch begeht – man erntet, was man sät. Die karmischen Früchte des Tötens unschuldiger Tiere mögen sich in Form von Kriegen, wo ganze Völker sich gegenseitig vernichten, über die sündhaften Menschen ergießen. Und dann fragen sie sich „wie konnte dies nur geschehen?“ „was haben wir falsch gemacht?“ „wer ist schuld an allem?“, und es werden hunderte von Büchern verfaßt und tausende von Spekulationen aufgestellt, die das Unheil erklären sollen. Die Reaktion auf sündhafte Handlungen mag sich auch darin äußern, daß einzelne Menschen oder ganze Völker der Attacke von raakshhasa-s, oder Mikroorganismen, oder anderen Lebewesen zum Opfer fallen.

Fußnoten

1 Bhiishhma Mahaaraaja ist einer der zwölf mahaajana-s (großen Weisen des Universums), die anerkannte Autoritäten des vedischen Wissens sind.

2 außereheliche Sexualität, gleichgeschlechtliche Sexualität, Sexualität an falschen Orten, zur falschen Zeit, etc.